S. E. Parker

Krieg und Frieden

Übersetzung aus der in London erscheinenden Zeitschrift “Man”

zwischen 1955 und 1957

Während der letzten zwei Jahrzehnte haben wir uns so daran gewöhnt in einer Welt des Krieges oder der Bedrohung durch einen Krieg zu leben, daß wir begonnen haben, eine solche Situation beinah als normal zu betrachten. In einer Atmosphäre dauernder Krisen, Kriege und heißer Vorfälle hat ein aktiver Widerstand gegen den Krieg eine deutliche Neigung schwach zu werden, sogar bedeutungslos zu sein, obschon es scheint, daß der Kessel auf dem Punkte ist, jederzeit überzukochen. Bis heute hat er es noch nicht getan, mag er uns auch dann und wann bange machen, wenn sein Deckel klappert.

Als eine Folge dieser “Normalität” der Krisen verlieren Warnungen gegen die Gefahr des Krieges, seine Übel und gänzliche Unverantwortlichkeit, ihre Dringlichkeit und werden ein Teil der täglichen Klischees. Es ist wahr, daß Explosionen der A- und H-Bomben hysterische Wellen und Spannungen auslösen, aber nachdem die Versammlungen gehalten wurden, die Bittschriften unterzeichnet, die Wissenschaftler sich gezankt haben, glätten sich diese Wellen wieder. Sogar auf der Höhe einer solchen Panik fühlt man, daß hier etwas fehlt. Die Phrasen vom Frieden und von den Übeln des Krieges scheinen unwirklich, abgenutzt und verblaßt zu sein durch andauernden Gebrauch und andauernden Verrat. Man muß an die Versammlungen vor dem ersten Weltkriege denken, mit ihren Beschlüssen von internationaler Solidarität: man erinnert sich der Debatten und Demonstrationen zwischen 1918 und 1939, und der Gelübde, das Kämpfen abzulehnen. Und dann erinnert man sich, wie alles praktisch zwecklos war, die Massen gehorsam die Uniformen anzogen und wie sie sich gegenseitig abschlachteten auf Befehl ihrer Herrscher: mit Beifall begrüßt von vielen derjenigen, die vorher so laut nach Frieden schrien.

Auf diese Weise gefangen in einer für den Krieg gerüsteten Welt, zwischen der falschen Hoffnung, daß der Krieg abgewandt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden kann und dem niederdrückenden Wissen von den Mißerfolgen aller Anstrengungen für den Frieden wird man oft in die Verzweiflung gestürzt.

Was können wir, die Anarchisten, darauf antworten?

Wie wir es sehen, kann das Problem des Krieges nicht isoliert von den anderen sozialen Fragen betrachtet werden. Die Wurzeln des Krieges liegen in der heutigen sozialen Anordnung. Der Krieg ist heute notwendig für die kapitalistische Ökonomie. Ohne Krieg oder der Vorbereitung für einen Krieg würde es dem Kapitalismus unmöglich sein, die erzeugten Waren unterzubringen und die Vollbeschäftigung für seine Lohnsklaven aufrechzuerhalten oder die unheilvollen Preisstürze und Krisen abzuwenden, die vor 1939 charakterzeigend für seine Existenz waren. Es gibt keine Märkte mehr zu erobern, keine neuen Quellen von Rohmaterial, die nicht direkt oder indirekt unter der Kontrolle irgendeiner Macht stünden; die kapitalistischen Nationen sind in Verlegenheit. Einziger Weg aus dieser Verlegenheit ist der Krieg. Durch einen Krieg kann der “Überschuß” an Waren untergebracht werden und brauchbare Quellen für Material und “Reichtum” werden gewonnen. Das heißt nicht, daß die einzelnen Kapitalisten ihre Zeit damit verbringen, Kriege anzuzetteln oder wissentlich darauf hoffen, aber Krieg ist dem Mechanismus der Profit-Ökonomie angeboren und dem Staate der dieses unterstützt. Sogar wenn der Staat aufhörte, das ausführende Organ einer herrschenden Klasse zu sein und der politische und wirtschaftliche Herr der Gesellschaft wird, so kann er doch nicht die Notwendigkeit eines Krieges vermeiden als das letzte Instrument im Kampfe um die Weltherrschaft.

Natürlich gibt es viele, besonders unter den Pazifisten, die im Grunde mit dieser Analyse einverstanden sind, aber die anführen, daß der Krieg das größte Übel unserer Zeit sei und darum mit allen Mitteln versucht werden müsse, einen Krieg zu verhindern. Deshalb ihre Verteidigungen der Zusammenkünft von Staatsmännern mit den Versuchen durch Verhandlungen die A- und H-Bomben zu ächten, Unterstützung der UNO und Forderung einer Weltregierung. Gewiß, auf den ersten Blick scheinen solche Vorschläge viel praktischer zu sein denn die Haltung der “Puritaner”, die den Krieg als eine Folge des Staats- und Eigentums-Systems ansehen und seine Abschaffung als untrennbar von der Abschaffung dieser Systeme. Schaut man unter das Flittergold dieser praktischen Pläne, dann kann man sehen, daß sie auf falschen Grundlagen stehen.

Wie schon bereits gesagt wurde, wurzelt der Krieg in dem heutigen Gesellschafts-System und er zieht seine Nahrung aus dem Grundsatz der Autorität und der Beherrschung und Ausbeutung die es erzeugt.

Es genügt nicht, daß man bei einem Unkraut bloß die Blätter abschneidet, man muß auch die Wurzeln ausrotten wenn man es vernichten will. Wiederum ist es die Höhe der Unwirklichkeit, von einer solchen Einrichtung wie dem Staat, der gegründet wurde um Krieg zu führen, zu erwarten, daß er ein Mittel zum Frieden sein könne. Von Staatsmännern erwarten, die nicht gezögert haben zwei Weltkriege zu führen und beschäftigt sind einen dritten vorzubereiten, daß diese den Grund ihrer Existenz beseitigen, der muß der größte Tropf sein.

Die naive Haltung derjenigen, die annehmen, daß der politische Leopard seine Flecken ändere, ist ebenso albern wie die jener, welche glauben, daß die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Waffen einen Krieg verhindern wird. Dieses könnte etwas Glaubwürdiges haben, wenn die Menschen, die im Kommando der militärischen Maschine sind, vernünftige Menschen wären, aber wie ihr Betragen in letzter Zeit gezeigt hat, sind sie es nicht – sondern sie sind geistig Kranke.

Die Ursache der augenscheinlichen Unwirksamkeit der heutigen Anstrengungen für Frieden liegt in der Oberflächlichkeit der Einschätzung derjenigen, welche dem Krieg entgegentreten. Der Kampf für die Abschaffung des Krieges muß verbunden werden mit dem Kampf gegen das heutige unsoziale System. Individueller und kollektiver Widerstand gegen Militarismus und Staat müssen gegründet werden auf das Verständnis, daß Krieg die Natur des Staates ist und seinem Fortkommen dient. Widerstand gegen den Krieg kann nicht getrennt werden vom Widerstand gegen die Autorität. Im Verkehr und in den Beziehungen zwischen Menschen ist stets der Grundsatz der Autorität, daß Menschen zur Herrschaft kommen über ihre Mitmenschen und auf diese Weise den bösartigen Kreislauf des Konkurrenzkampfes in Bewegung setzen, der zum Kriege führt. Wir Anarchisten lehnen Vorrechte und Macht ab. Wir streben weder Herrenmenschen noch Massenmenschen zu sein, wir wollen freie Menschen sein. In der Gesellschaft, die wir uns wünschen, ist alle Autorität der Menschen über Menschen abgeschaft und die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse wird erlangt durch freiwillige Zusammenarbeit unabhängiger Menschen. Krieg, Produkt des konkurrierenden ökonomischen Systems, aufrechterhalten durch den Zwang der Regierungen und den Gehorsam der Massen, hat logischerweise keinen Platz in der freien Gesellschaft der Anarchie. Der Friede wird herrschen, wenn Menschen ablehnen weder Herrscher noch Beherrschte, weder Ausbeuter noch Ausgebeutete zu sein. In der Zwischenzeit ist es unsere Aufgabe sowohl dem Krieg als auch dem sogar Frieden genannten Ruhezustand der Autorität entgegenzutreten. Wir müssen mit unserem eigenen Ungehorsam die soziale Revolution beginnen, den grundsätzlichen Wechsel im menschlichen Verkehr und in den menschlichen Beziehungen verwirklichen, welcher allein Garantie ist für den Frieden und die Brüderlichkeit in unserer Welt.



https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2022/10/04/krieg-und-frieden/ (DOWN, Wayback Machine)
"erschienen in der Zeitung Information, die zeitweise den Untertitel Anarchistische Betrachtungen zur Politik, Geschichte und Literatur der Gegenwart führte, irgendwann zwischen 1955 und 1957 erschienen."