Herausgeber: Gruppe “FreieJugend”, (JungeAnarchisten) Groß-Berlin Druck: Ernst Friedrich, Berlin C 2, Parochialstraße 29
Freie Jugend
Was wollen die Anarchisten?
Sind die Menschen reif für dieses Ziel?
Ändern sich die Verhältnisse nur durch die Revolution?
Warum aber versuchen die Anarchisten nicht ihre Ziele im Parlament durchzusetzen?
Wenn aber die Proletarier die Mehrheit in den Parlamenten erlangen?
Ist der Parlamentarismus wenigstens imstande, uns eine freie Tribüne zu sichern?
Doch die Reaktion feiert Wahlsiege, wenn die Revolutionäre sich der Abstimmung enthalten?
Wird die Schwächung der Arbeiterparteien bei den Wahlen nicht die proletarische Sache schwächen?
Bedeutet die Wahlenthaltung einen Bruch der proletarischen Einheitsfront?
Warum aber sind die Anarchisten auch Gegner der Parteiorganisation?
Warum aber sagen die Anarchisten: „Heraus aus den Gewerkschaften“?
Haben die Gewerkschaften nicht doch allerlei erreicht für die Arbeiter?
Kann man aber die Gewerkschaften nicht revolutionieren?
Wollen die Anarchisten eine eigene Organisation?
Wollen denn die Anarchisten gar keine Organisation.
Wie denken die Anarchisten sich den Zusammenschluss des Proletariats zum Klassenkampf?
Entspricht die B. O. den Kampfbedingungen unserer Zeit?
Wie vollzieht sich die soziale Revolution?
Sind die Betriebsorganisationen die Grundlage des Rätesystem?
Sie wollen den Wohlstand für alle. Darum müssen sie zu allererst gegen den Staat kämpfen, der nur den Wohlstand der Wenigen schützt auf Kosten der übrigen menschlichen Gesellschaft.
Die Anarchisten wollen eine Gesellschaftsordnung, in der die Produktionsmittel Gesellschaftseigentum sind, und alle Arbeiter den Ertrag ihrer Arbeit genießen können, eine Gesellschaftsordnung, in der produziert wird für den Bedarf aller, nicht mehr für den Profit einzelner. Sie wollen eine freie Gesellschaft, in der alles nur verwaltet wird, und wo niemand herrscht. Die Verwaltung sollen die Werktätigen selbst führen durch ihre Räte, die an den Arbeitsstätten gewählt werden und jeder Zeit abberufbar sind. Das ist: Die kommunistische Gesellschaftsordnung auf der Grundlage des Rätesystems.
Sind die Menschen reif für dieses Ziel?
Der Mensch ist weder schlecht noch gut. Schlecht aber sind die Verhältnisse der Menschen, ihre Gesellschaftsordnung, d. h. die Menschen werden sich wohler fühlen, wenn die Verhältnisse sich bessern. Eine falsche Betrachtungsweise sagt dann: „Die Menschen werden besser.“ Es ist durchaus natürlich, daß das Verhalten der Menschen in anderen Situationen sich ändert. Nicht weil wir die Menschen für besser halten, als sie sind, streben wir zur herrschaftslosen Gesellschaft — wenn es Engel unter uns gäbe, könnten wir es ertragen von ihnen beschützt und beherrscht zu sein, aber gerade weil wir die Menschen nehmen, wie sie sind, sagen wir: „Vertraut Euch ihnen nicht an.“ Der brutale Polizist könnte ein guter Mensch sein, wenn ihn nicht seine Gewalt und die Autorität seiner Uniform verführte. Das gleiche gilt sinngemäß auch von den Ausbeutern und Unterdrückern. Also, weil es keine Engel unter den Menschen gibt fordern wir:
„Ändert die verbrecherischen Verhältnisse, dann wird es keine Verbrechen mehr geben. Ändert die ausbeuterischen Verhältnisse, und es gibt keine Ausbeutung mehr. Ändert die schlechten menschlichen Verhältnisse und die „schlechten Menschen“ sterben aus.“
Ändern sich die Verhältnisse nur durch die Revolution?
„Wohlstand für alle“ bedeutet Beseitigung einer Wirtschaftsordnung, in der der Reichtum Weniger auf der Armut der Vielen aufgebaut ist. Aber die Nutznießer dieses Zustandes sind mit Hilfe ihrer Gewaltorganisation bemüht, den jetzigen für sie günstigen Zustand zu erhalten, und das Proletariat gewaltsam zu geistiger Armut zu zwingen (denn Bildung ist nur gegen Geld erhältlich). So bleibt dem Klassenbewußten, d. h. dem zur Erkenntnis seiner Lage gekommenen Teile der proletarischen Klasse, nur ein Mittel übrig, das ist der Sturz der bestehenden Ordnung: Die Revolution.
Warum aber versuchen die Anarchisten nicht ihre Ziele im Parlament durchzusetzen?
Im Parlament wird verhandelt. Der Handel aber ist der Bourgeoisie geläufig, entspricht ihrer Wirtschaftsordnung und täglichen Übung. Diese heilige Grundlage der bürgerlichen „Ordnung“ findet ihren vollkommensten Ausdruck in der obersten Schacherinstanz: dem Parlament. Hier wird dem Handel der gloriose Mantel der sozialen Politik und der wissenschaftlichen Volkswirtschaft umgebunden. In Wahrheit aber geschieht nichts weiter, als daß die verschiedensten kapitalistischen Interessengruppen um den größeren Anteil am Profit handeln. Ihr Handel artet oft zum „Kampf“ aus, denn keiner will seinen Profit verringert wissen. Die einen sagen Nationalismus, Abschließung der Grenzen oder Schutzzoll und meinen nur, es muß verhindert werden, daß ihre Bodenerzeugnisse durch ausländische Konkurrenz im Preise gedrückt werden. Andere rufen Weltbürgertum, Freisinnigkeit und offene Grenzen, um leichter Handel treiben zu können, um durch große Konkurrenz verbilligte Rohstoffe für ihre Fabrikate einzukaufen. Diese schreien Krieg, um ein Land zu zwingen, ihre Waren zu den von ihnen bestimmten Preisen zu kaufen; jene wollen Frieden, weil sie ihre Erzeugnisse in fremden Ländern absetzen müssen. So hat der Landwirt, der Industrielle, der Großhändler, der Bankier, jeder seine besonderen Profitinteressen, um die sie feilschen, um die sie sich balgen wie zwei Hunde um einen Knochen. Über all diesem aber vergessen sie nie ihr großes gemeinsames Interesse: die Ausbeutung des Proletariats, die ja die Grundbedingung zur Erlangung des heißersehnten Profites ist. Das Proletariat aber hat ebenfalls nur ein eindeutiges Interesse: die Befreiung von der Ausbeutung durch die Bourgeoisie. Dazu muß es kämpfen und zeigen, daß es starke Fäuste hat, auf deren Ausnutzung die ganze Profitordnung des Bürgertums beruht. Hiervor aber zittert der Bürger. Er weiß: er müßte in diesem Kampfe den Kürzeren ziehen. In dem Augenblick, da die Produktion nicht mehr nach seinem Willen geregelt wird, er folglich keine Waren verkaufen kann und für seine Profitanteilscheine, d. h. Geld ihm niemand etwas gibt, hat er aufgehört, als Klasse zu bestehen. Er kann nicht mehr handeln, wenn das Proletariat sich weigert, ihm die zu verhandelnde Ware herzustellen. Kann er aber nicht mehr handeln, so kann er auch keinen Profit mehr machen; Ende des Profites aber ist Ende der bürgerlichen Gesellschaftsordnung.
Das alles weiss das Bürgertum und lockt deshalb das Proletariat vom eindeutig festen Boden des Klassenkampfes der Profiterzeuger gegen die Profitgenießer auf den schlüpfrigen Boden des Verhandelns — ins Parlament! Hier ist das Bürgertum siegessicher; denn wir wissen ja, Handeln, das ist die Grundmauer seiner Natur. Er handelt um Profit zu machen, und so macht es auch seinen Profit im Handel mit dem Proletariat. Das Proletariat, das nur Interesse an seiner Befreiung hatte, dessen ganze Einstellung der Bourgeoisie klar entgegengesetzt war, wird mit dem Betreten des Reichstages eine Interessengruppe innerhalb der Bourgeoisie, die die Grundgesetze der bestehenden Ordnung anerkennt und um kleinliche Vorteile feilscht: um Lohnerhöhung, Arbeitszeitverkürzung und „soziale“ Gesetze. Der Bürger aber ist viel zu gerissen, als daß er beim Handel nicht auch den Partner etwas verdienen läßt. Den Hauptteil schluckt er ja doch, und was er heute verliert, kann er morgen wieder gewinnen (siehe 8-Stundentag, Preissteigerung, Zoll). Außerdem kann das Proletariat im Reichstag nicht in seiner ureigenen Form als Erzeuger aller Lebensbedürfnisse auftreten, sondern muß Vertreter entsenden, die entweder selbst der Bourgeoisie entstammen oder vom Produktionsprozeß losgelöste Proletarier sind. Nachahmer bürgerlicher Manieren der Diskussion und des Verhandelns. So ist es klar, daß hier im Parlament auf dem Grund und Boden des Bürgertums nicht das Ziel erreicht werden kann. Die Vernichtung jeder Ausbeutung von Menschen durch Menschen; Schaffung der freien kommunistischen Gesellschaft.
Wenn aber die Proletarier die Mehrheit in den Parlamenten erlangen?
Eine wirkliche Arbeiterorganisation wird niemals die Mehrheit erlangen, denn sie kann nicht die Propagandamittel bezahlen, wie das Bürgertum. Fast alle Zeitungen, Druckereien usw. gehören dem Bürgertum. Was aber taten die sogenannten Arbeiterparteien nach 1918, wo sie zeitweilig die Mehrheit hatten (Thüringen, Sachsen, Berlin usw.)?
Welchen Gebrauch haben sie von ihrer Herrschaft gemacht? Sie haben bürgerliche Politik getrieben. Weshalb? Weil die bürgerliche Minderheit mitregiert, weil die alten Verwaltungsbeamten weiter im Dienst stehen, weil die Schulden der früheren Leitung nicht für nul und nichtig erklärt, sondern von den Arbeitern im Interesse der Bourgeoisie bezahlt werden sollen! Die von monarchistischen Offizieren kommandierten Formationen der Polizei und Gendarmerie werden ausgebaut, die Bewaffnugn der Proletarier wird unterbunden. Bakunin schrieb sehr richtig (1869):
„Die Arbeiterabgeordneten, in bürgerliche Existenzbedingungen gebracht und in eine Atmosphäre ganz bürgerlicher politischer Ideen, aufhörend wirkliche Arbeiter zu sein, um Staatsmänner zu werden, werden Bourgeois werden, und vielleicht mehr Bourgeois als die Bougeois selbst sein. Denn nicht Männer bilden die Stellungen, sondern die Stellungen bilden die Männer. Und wir wissen aus Erfahrung, daß die Bourgeoisarbeiter oft nicht weniger egoistisch sind als die Bourgeoisausbeuter und ebenso lächerlich als der geadelte Bourgeois. Würden sie wirklich jemals den Versuch machen gegen das Bürgertum zu regieren, so genügt der berühmte Leutnant mit 10 Mann, um das Parlament auseinander zu jagen.“ (Man denke an den Einmarsch der Reichswehr in Sachsen.)
Sind die parlamentarischen Vertretungskörper wenigstens ein Boden auf dem der Klassenkampf ausgetragen werden kann?
Nein, denn der Klassenkampf wird nicht in den Beratungssälen, sondern auf der Straße, nicht am grünen Tisch, sondern in den Fabriken entschieden. Es gibt keinen Klassenkampfersatz für die unmittelbare Aktion der proletarischen Massen. Zur Lösung der sozialen Frage ist nicht ein Parlament unter Mitwirkung der Ausbeuter, sondern einzig und allein der Arbeiterrat unter Ausschließung der Bourgeoisie berufen. Mann kann nicht Hand in Hand, man kann nicht gemeinsam mit der Ausbeuterklasse an die soziale Neugestaltung schreiten, sondern nur im Kampfe gegen das Bürgertum und seine Machtposition.
Aber sitzen nicht Kommunisten in den Parlamenten, geht die soziale Revolution nicht innerhalb der Grenzen der „demokratischen“ Gesetze vor sich?
Die Führer der parlamentarischen Parteien sind die Sicherheitsventile ihrer Koalitionsbrüder geworden. Der alte Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht weist uns schon 1869 auf den Weg: „Revolutionen werden nicht mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis gemacht, die sozialistische Idee kann nicht innerhalb des heutigen Staates verwirklicht werden, sie muß ihn stürzen, um ins Leben treten zu können.“
Ist der Parlamentarismus wenigstens imstande, uns eine freie Tribüne zu sichern?
„Durch unsere Reden im Parlament können wir keine Wahrheiten unter die Massen werfen, die wir anderweitig nicht viel besser verbreiten könnten!“ Die proletarischen Massen sitzen nicht auf der Parlamentsgalerie. Die bürgerlichen Abgeordneten hören nicht zu (sie interessieren uns auch gar nicht) und die bürgerliche Presse bringt die Reden nicht, ide ihr nicht passen oder verstümmelt sie.
Doch die Reaktion feiert Wahlsiege, wenn die Revolutionäre sich der Abstimmung enthalten?
Die Stimmenabnahme bei den proletarischen Wählern wird reichlich aufgewogen durch die hierdurch erzeugte Stärkung des Rätesystems. Die Reaktion wird erzittern, wenn die Abnahme der Wählerstimmen den Beweis liefern wird, daß immer mehr Personen in der Revolution den einzigen Ausweg erblicken.
Wird die Schwächung der Arbeiterparteien bei den Wahlen nicht die proletarische Sache schwächen?
Nein. Jede gültige Stimme zu parlamentarischen Wahlen bedeutet ein Bekenntnis zum kapitalistischen Staat!
Jede proletarische Stimmenthaltung bedeutet ein Bekenntnis zur Revolution!
Bedeutet die Wahlenthaltung einen Bruch der proletarischen Einheitsfront?
Nein, sondern die Aufforderung an das ganze Proletariat, durch Stimmentahltung zu den Parlamentswahlen eine revolutionäre Einheitsfront gegen die Bourgeoisie und ihre Agenten zu bilden.
Warum aber sind die Anarchisten auch Gegner der Parteiorganisation?
Parlament und Parteien gehören zusammen. Die verschiedenen Interessengruppen des Bürgertums, die wir gekennzeichnet haben, formieren sich in Parteien und trachten danach, sich Parlamentssitze zu sichern.
Das Proletariat ist keine Interessengruppe der Bourgeoisie, sondern eine der Bourgeoisie feindliche Klasse. Das Proletariat bedarf keiner Partei, wenn es das Parlament nur als bürgerliches Machtmittel ansieht. Dazu kommt, daß die Arbeiterparteien genau so aufgebaut sind, wie der bürgerliche Staat. Es gibt auch hier „oben“ und „unten“, auch hier Befehlende und Gehorchende, auch hier Zahlende und welche die von dem eingezahlten Gelde leben. Wirkliche proletarische Solidarität kann in einer Partei nicht gedeihen, im Gegenteil kleinbürgerliches Strebertum wird gezüchtet, Macht- und Geltungsbestrebungen finden weitesten Raum. Die Verhaltungsweise des Proletariats bleibt auch in der Partei durchaus bürgerlich. Diejenigen, die sich in der Partei Posten „errungen“ haben, die „Offiziere der roten Front“ geworden sind, nehmen auch die Verhaltungsweise der Offiziere an. Sie haben mit dem Proletariat nichts mehr gemein. Je höher sie steigen, um so weiter entfernen sich ihre Interessen von denen des Proletariats. Ein Reichtstagsabgeordneter oder ein Parteisekretär gehört nicht mehr der proletarischen Klasse an. Nach Karl Marx wird die Klassenzugehörigkeit eines Menschen bestimmt durch seine Stellung zu den Produktionsmitteln, man vergleiche also die Stellung eines Schlossers und eines Reichstagsabgeordneten zu den Produktionsmitteln.
Ein Mensch, der einen Posten hat, der ihm seinen Lebensunterhalt bedeutet, wird versuchen diesen Posten zu halten, selbst auf Kosten des Proletariats. Er wird z. B. in kritischen Zeiten, die Proletarier von gewaltsamen Aktionen zurück halten, weil er das Verbot der Organisation und damit das Ende seiner Stellung befürchtet; während die Aktion für das Proletariat weit größeren Nutzen hätte als die Gesetzlichkeit der Organisation. Die Führer der SPD. waren 1914 für den Krieg, weil sie sonst aus Beamten in gesicherter Stellung zu politischen Märtyrern geworden wären. Die Parteikasse wäre beschlagnahmt worden, und man hätte sie behandelt wie gewöhnliche Proleten (die Ausnahme Karl Liebknecht bestätigt diese Regel nur).
Eine Partei kann also proletarische Interessen nicht vertreten, der Schaden ist immer weit größer als der Nutzen. Dies umso mehr, als die Mitgliedsbeiträge nicht die Gehälter der Parteiführer und die notwendige Parteireklame decken. Da beginnt die Partei sich zu verkaufen. Wir wissen, daß die Ausgaben der SPD. durch die deutsche Großindustrie und den deutschen Staat, die der KPD. durch den russischen Staat gedeckt werden. Keine Leistung aber ohne Gegenleistung. Eine Partei ohne solchen Hinterhalt geht entzwei, wie z. B., die USPD. Als die Kassen der USPD. Leer waren, verkauften die Führer einfach die Mitglieder an die KPD. und SPD. Die letztere hatten sie noch wenige Wochen zuvor als Partei der Bluthunde beschimpft. Der Judaslohn waren die neuen Posten. Karl Marx hat nur zu recht, wenn er sagte, das menschliche Sein bestimmt das Bewußtsein.
Die Politik der Parteien wird bestimmt durch die Interessen derer, die den Führern die Posten sichern. Das Proletariats ist den Führern nur Mittel zum Zwecke ihrer Existenzsicherung. Proletarischen Interessen kann die Partei nur Hemmschuh sein.
Warum aber sagen die Anarchisten: „Heraus aus den Gewerkschaften“?
Was von der Partei gesagt wurde gilt in verstärktem Maße von den Gewerkschaften. Der Sekretär im Gewerkschaftsbüro hat nicht die Interessen, die der Prolet am Schraubstock hat.
Bei einer guten Zigarre und einem guten Wein läßt sich trefflich verhandeln (das wußte schon Bismarck). Der Unternehmer ist ja für den Gewerkschaftsführer nicht mehr der Feind. Als Geschäftsfreund verhandelt er mit dem Kapitalisten auf dem Rücken des Proletariats. Die Arbeiter verlieren ihre Stoßkraft über dem Warten auf den Verbandsbeschluß. Die proletarische Aktion wird untergraben.
Die Gewerkschaft ist aber auch der Tod der so notwendigen proletarischen Einheitsfront. Sie spaltet das Proletariat in Berufsverbände. (In Deutschland mehr als 50.) Das ist des Unternehmers reinste Freude. Der moderne Betrieb aber spottet dieser veralteten Organisationsform. Es gibt keine ausschlaggebenden Großbetriebe mehr, in denen nur Metallarbeiter oder nur Tischler usw. beschäftigt sind. Und wir alle erlebten schon die traurige Tatsache, daß in einem Betriebe die Transportarbeiter streikten, der Betrieb aber nicht stillgelegt werden konnte, weil alle übrigen Arbeiter weiter arbeiteten. Ihr Verband hatte einen Tarif abgeschlossen, der noch lief. Die Transportarbeiter verloren also den Streik, und wenn vier Wochen später die Metallarbeiter Forderungen stellten, standen diese allein, der Tarif der anderen lief noch, ihr Verband streikte nicht.
Die Gewerkschaften sind einmal von Nutzen gewesen, eine Waffe des modernen Klassenkampfes sind sie nicht, auch wenn sie sich syndikalistisch nennen und mit dem Anarchismus kokettieren. Die Bourgeoisie erneuert in ihren Kriegen ständig die Waffengattungen, lernen wir von ihr. Im Zeitalter des Giftgases wird die „faule Grete“ nicht mehr gebraucht. Die Gewerkschaften wirken aber im Zeitalter von Ford und Stinnes nur noch wie Keule und Spieß gegen Tränengas. Darum fort mit dieser untauglichen Waffe.
Haben die Gewerkschaften nicht doch allerlei erreicht für die Arbeiter?
Nein. Dort wo ie Arbeiter Vorteile gewannen, war es ihre direkte Aktion, die diese Vorteile errang. Denken wir an den 8-Stundentag, der nur durch die November- und Januarkämpfe {1918-1919} der Arbeiter errungen wurde, und der verloren ging, als später die Gewerkschaften mit den Unternehmern verhandelten. Alle Streiks, die für das Proletariat von Erfolg gewesen wären, wurden von den Gewerkschaften abgewürgt (z. B. Englischer Generalstreik und Hamburger Hafenarbeiterstreik 1926).
Kann man aber die Gewerkschaften nicht revolutionieren?
Nein, auch das nicht. Einen Sumpf kann man nicht austrocknen, indem man hineinspringt. Die Gewerkschaften sind ein Sumpf. Ein baufälliges Haus wird nicht besser durch ein neues Dach, man muß es schon niederreißen. Die Korruption der Gewerkschaftsbeamten kann man nicht ändern, indem man revolutionäre, kommunistische Leute an ihre Stelle setzt. Das ist eine kindliche Auffassung, die der materialistischen Weltanschauung geradezu ins Gesicht schlägt. Revolutionäre zu Gewerkschaftsbeamten zu machen, hieße sie an den Kapitalismus verkaufen, sie zu Kleinbürgern zu machen, ihre Interessen von denen des Proletariats zu trennen. Es gilt also, das ganze verfaulte System zu beseitigen und nicht nur die gerade angefaulten Bonzen. Deshalb: Heraus aus den Gewerkschaften.
Wollen die Anarchisten eine eigene Organisation?
Die Anarchisten wollen niemanden für sich einfangen. Diese häufig an die Anarchisten gestellte Frage: "Wenn ihr aber zur Macht kämt?", ist falsch. Zur Macht kommen will gar niemand. Das Proletariat will nicht die Willkürherrschaft der Bourgeoisie durch eine proletarische Willkürherrschaft überwinden. Es handelt sich vielmehr nur darum, die bürgerliche Macht zu beseitigen.
Wenn die Anarchisten, als Wegweiser des Proletariats, also Macht anstrebten, womöglich eine Partei aufmachten, dann würde es mit ihnen dasselbe Ende nehmen, wie mit allen anderen Parteien.
Wenn die Proletarier auf dem Wendepunkt der sozialen Revolution werden Gewalt anwenden müssen, dann wird das nicht mit der Spekulation auf staatliche Macht verbunden sein, sondern wird nur diese Macht brechen.
Die Anarchisten wollen nichts anderes sein als Propagandisten des Klassenkampfes. Sie haben keinen Posten und Stellungen zu vergeben, sie sagen zu niemandem: "Komme zu uns", sondern: "komme erst zu dir selbst". Die Anarchisten wollen, den durch die bürgerliche Erziehung gebrochenen Mut des Proletariats wieder aufrichten und ihn im Klassenkampf steigern. Sie heucheln nicht, etwas "für" das Proletariat zu tun, sondern handeln als Proletarier für sich selbst. Sie wollen in erster Linie durch ihr Beispiel wirken.
Die Anarchisten können das Proletariat nicht zur Freiheit führen, und wenn sie es könnten, so würden sie es nicht tun, denn wer "hingeführt" werden kann, der kann auch zurückgeführt werden. Die Freiheit muß sich die proletarische Klasse erkämpfen, in diesem Kampfe aber gibt es nicht Offiziere und Soldaten; hier gibt es nur Genossen. Die Anarchisten werden nur die erste Reihe sein im Kampfe.
Wollen denn die Anarchisten gar keine Organisation.
Der Kampf des Proletariats ist nicht der Kampf Einzelner. Wer außerhalb der Klassengemeinschaft kämpft, verblutet, kann nie Sieger bleiben. Der Zusammenschluß ist die einzige große Waffe, die die Lohnsklaven ihren Ausbeutern gegenüber haben. Der Bourgeois sichert sich durch Anhäufung von Besitz, d. h. von Macht für seine Person, das Proletariat kann sich nur durch Zusammenschluß sichern. Der Einzelne ist der Willkür der Bourgeoisie ausgeliefert, dem Zusammenschluß der Proletarier gegenüber versagen die Waffen des Bürgertums.
Wie denken die Anarchisten sich den Zusammenschluss des Proletariats zum Klassenkampf?
Alle bisherigen Organisationen, Parteien wie Gewerkschaften sind nach dem Vorbild des bürgerlichen Staates aufgebaut. Auch innerhalb dieser Organisationen verhalten sich die Proletarier wie Bürger. Das bürgerlich autoritär eingestellte Proletariat kann aber die bürgerliche Welt nicht überwinden, es muß anti-bürgerlich, anti-autoritär werden. Dazu aber bedarf der Proletarier anderer Mittel als es die zentralistischen Organisationen sind.
Wo es, wie in Partei und Gewerkschaft, Oben und Unten, Befehlende und Gehorchende gibt, da werden stets Proletarier von Minderwertigkeitsgefühlen erfaßt werden und am Kampfe verzweifeln. Da werden aber vor allem Geltungs- und Machtstreben sich breitmachen. In Organisationen mit Stufenleitern von Posten, mit Beförderungen und Rängen, wird stets einer versuchen, dem anderen den Rang abzulaufen. Die Beziehungen der Proletarier in der Klassenkampforganisation erfordern ein anderes Verhalten zueinander. Nicht mehr steht der Obere dem Unteren gegenüber, sondern der Klassengenosse neben dem Klassengenossen. Das große Ziel: "Die freie kommunistische Gesellschaftsordnung" muß befreit werden von den Nebenzielen, die in den heutigen Organisationen das Hauptziel überwuchern. Die Nebenziele sind: Ansehen erringen, bewundert werden, Funktionär oder Parteiangestellter sein. Diese Bedingungen erfüllen sich jedoch nur an einer Stelle: an der Arbeitsstätte, im Betrieb. Deshalb müssen sich die Proletarier hier zusammenschließen, wo sie wirklich und ausschließlich Proletarier sind. Außerhalb des Betriebes spielt auch der Proletarier gern den kleinen Bürger. Außerhalb des Betriebes wirkt der Einfluß des Bürgertums seines, wenn auch noch so dürftigen Besitzes und seiner Familie. Im Betriebe steht Schicksalsgenosse neben Schicksalsgenossen, jeder ist der Beobachtung durch den anderen ausgesetzt, die einzig mögliche Kampfesform ist auf Gemeinschaft und Solidarität aufgebaut. Deshalb heiße die proletarische Klassenorganisation: Betriebsorganisation.
Was ist Betriebsorganisation?
Der immer wieder durch neue Organisationen enttäuschte Proletarier, der schließlich abseits steht oder in einer Organisation hängen geblieben ist, weil ihm die anderen noch schlechter scheinen, fragt mißtrauisch, schon wieder eine neue Organisation, eine neue Konkurrenz zu den vielen bestehenden? Warum immer wieder Zersplitterung?
Es wird Zeit, daß wir deutlich aussprechen: das ist ein Irrtum. Nein, hier will niemand eine neue, mit den alten konkurrierende Organisation schaffen. Gewiß, Betriebsorganisation ist Organisation, aber keine, die geschaffen werden muß. Das Neue, das sich hier vorbereitet, ist vielmehr ein Bewußtseinsumschwung. Betriebsorganisation ist nicht ein bloßes technisches Schema: sondern eine ganz neue Einstellung zu allen Problemen des täglichen Lebens. Betriebsorganisation erfordert von der proletarischen Klasse den völligen Verzicht auf irgendwelche Hilfe von außenher, ist Selbsthilfe in allen Fällen. Betriebsorganisation bedeutet keine Hilfe zu erwarten oder zu verlangen von irgendeiner Organisation, wie immer sie sich nennen oder gebärden möge, ob zentralistisch oder föderalistisch. Die technischen Vorbedingungen zur Betriebsorganisation hat uns der Kapitalismus selbst gegeben, im Betrieb sind wir organisiert, sind wir zusammengefaßt, und was das Ausschlaggebende ist, wir sind tatsächlich als Klasse organisiert. Wir sind im Betriebe dem Arbeitgeber gegenüber nicht Kommunisten, Sozialdemokraten oder Anarchisten, auch nicht Sangesbrüder oder "freie Turner", wir sind die ausgebeuteten Proletarier, die Menschen, die alle auf der gleichen ökonomischen Stufe stehen. Es ist einzig und allein unsere Aufgabe, diese bestehende Organisation der Klasse auszunutzen.
Alle Wortradikalität und alle riesigen Demonstrationen sind ohne Wert, wenn die Proletarier im Betrieb kuschen und nicht wissen, daß sie hier den Klassenfeind direkt vor sich haben. Überall schlagen sie sich nur mit seinen Bütteln herum, im Betrieb stehen sie dem Klassenfeind selbst gegenüber.
Den werden sie erst niederringen, wenn sie ihm als geschlossenes Ganzes in den Betrieben gegenübertreten. Der kleinbürgerliche Gewerkschaftssekretär soll nicht mehr mit dem Arbeitgeber verhandeln, der Einzelne nicht in nutzloser Radikalität sich aufopfern oder in feiger Kriecherei für sich etwas herausschinden. Eine neue Solidarität muß unser Bewußtsein erfüllen. Die Belegschaft als geschlossenes Ganzes muß auftreten gegen den Arbeitgeber. Betriebsorganisation heißt nicht gemeinsames Mitgliedsbuch, sondern gemeinsamer Kampf.
Entspricht die B. O. den Kampfbedingungen unserer Zeit?
Die Produktionsverhältnisse, die imemr in sich selbst die Lösung und Erlösung tragen, geben nicht nur gelegentlich verneinende, sondern auch bejahende Antworten. Und die Antwort lautet hier:
Es sind die Betriebe, nicht mehr die Berufe, die die Kraft ausüben und die Macht haben in der jetzigen Gesellschaft; die also die Macht den Proletariern geben, wenn sie sich in ihnen organisieren.
In unserer modernen westeuropäisch- und amerikanischen, trust- und bankkapitalistischen und imperialistischen Welt organisiert sich das Kapital nicht mehr nach Berufen, sondern nach Betrieben.
Organisierte es sich bis vor einiger Zeit noch nach Berufen: alle Elektrizitätswerke zusammen, alle Glasfabriken zusammen, alle chemischen Werke zusammen, so handelt es jetzt anders.
Die Organisation der Stinnes etc. ist nicht mehr allein (wie Rathenau sagte) horizontal, sondern auch vertikal. Was heißt das?
Man organisiert jetzt Produktionsgebiete. Man fügt Gruben, Metallwerke, Maschinenfabriken, Elektrizitätswerke, Eisenbahnen, Reedereien, Hafenanlagen zusammen. Was bleibt da dem Beruf noch an Bedeutung? Man läßt of große Teile desselben Berufes außer Betracht. In den Betrieben liegt jetzt die kapitalistische Kraft. Besonders ist dies der Fall in dem bankrotten deutschen Staat, wie in den bankrotten Staaten überhaupt. Dort formt das Kapital hinter dem bankrotten Staat einen neuen, in den riesigen Betriebskomplexen. Darauf stützt sich das Kapital jetzt. Damit hofft es sein Leben zu retten, trotzdem sein Staat bankrott ist. Das weist schon dem Proletariat die Mittel, die es gebrauchen muß.
Aber auch die Revolution selbst lehrt es. Waren es Gewerkschafter, die kämpften? Zogen die Proletarier nach Gewerkschaften geordnet ins Gefecht? 1918, 1919, 1920 und 1921? Nein. Sie kämpften von den Betrieben aus.
Wie vollzieht sich die soziale Revolution?
Streik.
Die Revolution ist kein Putsch, den eine Organisation oder eine Parolenfabrik hervorrufen kann. Sie ist ein Prozeß dessen Ursache das kapitalistische System ist.
„Auch die wirtschaftliche Umwälzung kann sich nur als ein von der Proletarischen Massenaktion getragener Prozeß vollziehen. Die nackten Dekrete oberster Revolutionsbehörden über die Sozialisierung sind allein ein leeres Wort. Nur die Arbeiterschaft kann das Wort durch eigene Tat zum Fleische machen. In zähem Ringen mit dem Kapital, Brust an Brust in jedem Betriebe, durch unmittelbaren Druck der Massen, durch Streiks, durch Schaffung ihrer ständigen Vertretungsorgane können die Arbeiter die Kontrolle über die Produktion und schließlich die tatsächliche Leitung an sich bringen.“
(Rosa Luxemburg, „Was will der Spartakusbund“)
„Es liegt gerade in dem ganzen Wesen der Revolution, daß die Streiks sich mehr und mehr auswachsen, daß sie zur Hauptsache der Revolution werden müssen. Das ist dann eine ökonomische Revolution, und damit wird sie eine sozialistische. Der Kampf um den Sozialismus kann aber nur durch die Massen, unmittelbar Brust an Brust mit dem Kapitalismus ausgefochten werden, in jedem Betrieb, von jedem Proletarier gegen seinen Unternehmer. Nur dann wird es eine sozialistische Revolution sein.
Gedankenlosigkeit freilich stellt sich den Gang anders vor. Man dachte, es ist nur nötig, die alte Regierung zu stürzen, eine sozialistische Regierung an die Spitze zu stellen, dann werden Dekrete erlassen, die den Sozialismus einführen. Das war nichts als eine Illusion.
Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden, durch Dekrete, auch nicht von einer noch so ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muß durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo sie an die Kette des Kapitals geschmiedet sind, dort muß die Kette zerbrochen werden.“ (Rosa Luxemburg, Rede zum Programm, 29. 12. 1918)
Fabrikbesetzung.
Aber das gegenwärtige Stadium der Revolution erfordert und versteht unter Kampf zum Sturze des Kapitalismus etwas anderes als Arbeitszeit- und Lohnkämpfe. Und die Vorbereitung einer neuen Gesellschaft kann unmöglich in willkürlichen lokalen Verbänden vor sich gehen.
Da hat denn auch die geschichtliche Notwendigkeit das Proletariat zu anderer Handlungsweise gezwungen und die Kämpfe zwischen den beiden feindlichen Klassen auf eine ganz neue Grundlage gedrängt.
Das begann in der russischen Revolution von 1905. Dort entstanden zum erstenmal Arbeiterräte. Ihre Geschichte dürfte nun genügend bekannt sein. Oder aber es ist höchste Zeit, sich darüber zu informieren. Sie verschwanden, als der Aufstand niedergeschlagen war. Waren aber sogleich zur Stelle, als 1917 von neuem die Revolution ihr Banner erhob. Von da ab ging der bewußte Gedanke der Arbeiterräte über ganz Europa. Heute hören wir aus Afrika, Asien, Australien und Amerika die Stimmen der Arbeiterräte-Bewegung. Der Kampf aber, den das Proletariat mit und für seine Arbeiterräte führte, hat ihm gezeigt, daß für diesen Kampf auch eine ganz neue Grundlage nottut.
Dem Kapital ist mit Lohnbewegungen kein sozialer Vorteil mehr abzuringen. Dazu haben die Kapitalisten ihren Finanz- und Wirtschaftsapparat zu gut „geschmiert“. (Die Gewerkschaften gehören mit dazu.)
Und den kapitalistischen Regierungen ist mit Papierparteiprotesten und Fahnenumzügen (soll Demonstration heißen) nicht im geringsten zu imponieren. Ein einziger Gummiknüppel wiegt den ganzen Zauber auf.
Durch solche Lehren hat das Proletariat seine einzig mögliche Organisationsform und seine wirkliche Machtbasis kennen gelernt. Und dort auch wird das Proletariat sofort das Übergewicht gegen seinen Feind haben, sobald die Mehrheit der Schaffenden zur Erkenntnis dieser Macht gelangt. Dann werden wir auch nicht mehr über Zentralismus und Föderalismus streiten, sondern beide zu höherer Einheit verbinden.
Nicht mehr das Kommando von irgendwo oben und auch nicht das Aneinander-vorbei des Föderalismus bestimmt uns, sondern Selbstverantwortung des Einzelnen und der Gruppe, und seine Übereinkunft bei freiwilliger Verpflichtung beherrschen diese Bewegung.
Die Kämpfe, die die Arbeiter auf der neuen Front bisher geführt haben, zeugen alle von der ungeahnten Tragfähigkeit dieser Bewegung. Und diejenigen, die es wissen müssen, bürgerliche Regierer, wie der italienische Ministerpräsident, haben die Gefährlichkeit dieser proletarischen Waffe bestätigt. Das war gelegentlich der Betriebsbesetzung in Italien im Jahre 1920. Denn das ist die neue Form des Endkampfes zwischen Kapital und Arbeitskraft. Nicht wie früher geben die Arbeiter ihre Betriebe aus der Hand, indem sie beim Generalstreik etwa nach Hause gehen. Es wird auch nicht mehr für „Forderungen demonstriert“. Nein, wir bleiben in den Fabriken. Wir behalten die Produktionsmittel, die uns gehören, in der Hand. Und wenn die Klopffechter des Kapitals die Betriebe angreifen, nun — dann entbrennt der Kampf.
Bürgerkrieg.
„In den bürgerlichen Revolutionen war Blutvergießen, Terror, politischer Mord die unentbehrliche Waffe in der Hand der aufsteigenden Klassen.
Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen.
Aber die proletarische Revolution ist zugleich die Sterbeglocke für jede Knechtschaft und Unterdrückung. Darum erheben sich gegen die proletarische Revolution alle Kapitalisten, Junker, Kleinbürger, Offiziere, alle Nutznießer und Parasiten der Ausbeutung und der Klassenherrschaft wie ein Mann zum Kampf auf Leben und Tod.
Es ist ein toller Wahn zu glauben, die Kapitalisten würden sich gutwillig dem sozialistischen Verdikt eines Parlaments, einer Nationalversammlung fügen, sie würden ruhig auf den Besitz, den Profit, das Vorrecht der Ausbeutung verzichten. Alle herrschenden Klassen haben um ihre Vorrechte bis zuletzt mit zähester Energie gerungen.
Die imperialistische Kapitalistenklasse überbietet als letzter Sproß der Ausbeuterklasse die Brutalität, den unverhüllten Zynismus, die Niedertracht aller ihrer Vorgänger. Sie wird ihr Allerheiligstes, ihren Profit und ihr Vorrecht der Ausbeutung, mit Zähnen und mit Nägeln, mit jenen Methoden der kalten Bosheit verteidigen, die sie in der ganzen Geschichte der Kolonialpolitik und in dem letzten Weltkriege an den Tag gelegt hat. Sie wird Himmel und Hölle gegen das Proletariat in Bewegung setzen. Sie wird das Bauerntum gegen die Städte mobil machen, sie wird rückständige Arbeiterschichten gegen die sozialistische Avantgarde aufhetzen, sie wird mit Offizieren Metzeleien anstiften, sie wird jede sozialistische Maßnahme durch tausend Mittel der passiven Resistenz lahmzulegen suchen.
All dieser Widerstand muß Schritt um Schritt mit eiserner Faust und rücksichtsloser Energie gebrochen werden.
Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Weltgeschichte gesehen, und die proletarische Revolution muß sich für diesen Bürgerkrieg das nötige Rüstzeug bereiten, sie muß lernen, es zu gebrauchen – zu kämpfen und zu siegen.“ (Rosa Luxemburg, „Was will der Spartakusbund?“)
Wir können die schönsten pazifistische Theorien haben, die angreifenden Weißen Garden werden uns nicht danach fragen.
Aber nicht mit den Mitteln des geistlosen preußischen Militarismus, nicht mit Trägern schöner Uniformen und nicht mit Schalmeienkapellen wird dieser Kampf ausgefochen werden. Die von der Revolution begeisterten Massen werden in der Revolution die notwendigen Wege finden. Max Hölz’ rote Armee und Nestor Machno’s ukrainische Bauern haben uns das bewiesen. Die Revolution ist aber nicht abhängig von Sieg oder Niegerlag einer Barrikadenschlacht. Die Macht hat, wer die Betriebe hat.
„Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege, zur vollen Klarheit und Reife durchringen.“ (Rosa Luxemburg)
Sind die Betriebsorganisationen die Grundlage des Rätesystem?
Anarchismus und Rätesystem liegen auf einer Linie. Es ist die Selbstorganisation und direkte Aktion der Proletarier in Betrieben und Nachweisen. Die Betriebsorganisationen machen alle parolegebenden Zentralen überflüssig. So zusammengeschlossen bstimmt im Klassenkampf das Proletariat sein Schicksal selbst.
Die soziale Revolution wird von unten nach oben gelenkt nie umgekhert.
Selbstverständlich verbinden sich die B.O.s, aber nicht im Rahmen der alten Länder und Grenzen, sondern nach Produktionsgebieten „Nationale Eigenarten“ sind untergeordneter Natur. Die Klassensolidarität muß über die Grenzen gehen. Welche Macht z. B. würden die deutschen und englischen Bergarbeiter miteinander verbunden darstellen. — Zur Ausübung ihres Willens braucht die B. O. Organe, das sind die gewählten Räte. Ihre Aufgabe ist, die Bestimmungen der Betriebs- und Nachweisorganisationen, ohne Einschaltung einzelpersönlichen Willens auszuführen. Sie sind jederzeit abberufbar und ihrer B.O. verantwortlich. „Von unten auf“ ist stets das Prinzip der Anarchisten, dem sie in der Arbeiterbewegung Anerkennung verschaffen wollen, denn es ist die Grundlage des Rätesystems und der direkten Aktion.
Die revolutionären Betriebsorganisationen, verbunden durch die Räte bilden die Klassenorganisationen des Proletariats, die nach dem Siege der sozialen Revolution auf derselben Grundlage die kommunistische Bedarfswirtschaft aufbaut.
Die Anarchisten wollen keine Partei sein. Die Anarchisten wollen keine Macht für sich. Die Revolution ist auch keine Erfindung der Anarchisten.
Der Weg zur sozialen Revolution ist nie das Werk einer Organisation, sondern ein gesellschaftlicher Entwicklungsprozeß. Wie ein Kin Jahre braucht, um heranzureifen, so braucht auch die Arbeiterschaft Zeit zur Revolution. Die Anarchisten aber, als bewußte Propagandisten der sozialen Revolution versuchen diesen Vorgang zu fördern, ähnlich dem Erzieher der das Heranreifen eines Kindes unterstützt.
Das Kind reift nicht nur durch Erziehungskünste, es lernt das Leben durch Erfahrungen begreifen. So auch die Arbeiterschaft. Sie reift weniger durch einige kluge Köpfe und Organisatoren, als vielmehr durch Erfahrungen im Kampf. Die Arbeiterbewegung kann die Wirkung von Organisationen nicht aus theoretischen Spekulationen erlernen, sondern nur aus den Erfahrungen, die sie mit ihnen macht. Die Aufgabe der Anarchisten ist es, dafür Sorge zu tragen, daß die Arbeiterschaft diese Erfahrungen möglichst schnell auffaßt und die richtigen, d. h. die, die für die Revolution föderlichen Nutzanwendungen aus ihnen zieht. Diese Aufgabe ist nicht so einfach, schon deshalb nicht, weil ständig Kräfte an der Arbeit sind, die diese Erfahrungen durch Illusionen verbergen, oder ihre Konsequenzen umbiegen wollen.
Aber die Anarchisten müssen und werden unerbittlich alle entlarven, die ein Geschäft aus der Revolution machen wollen.
Die Anarchisten wollen nichts anderes sein, als Propagandisten der wahren Erkenntnisse, die für den Klassenkampf notwendig sind. Für alle Führer-Organisationen bedeutet Propaganda nichts als Reklame, denn ihr Hauptzweck ist zahlende Mitglieder zu werben. Die Propaganda der Anarchisten ist auf ein Klasenziel gerichtet, auf Erziehung zum Klassenkampf. Das ist ihre Aufgabe, sie ist groß und gewaltig, aber ohne Kassenerfolg.
Der Sieg des Proletariats steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution. Für diese Sieg rufen die Anarchisten die klassenbewußten Arbeiter auf, mitzukämpfen. Je größer die Zahl der zielbewußten Propagandisten ist, desto eher werden sie Erfolge haben. Es gilt eine Welt zu erobern.