Titel: Die Systeme der Organisation
AutorIn: Anonym
Datum: 1898
Quelle: https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2024/09/07/einig-zu-was/ (DOWN, Wayback)
Bemerkungen: Original in: Neues Leben. Anarchistisch-sozialistische Wochenschrift. 2. Jahrg, Neue Folge. Sonnabend, den 5. November 1898. No. 18. Berlin. Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig! Nimmer zaghaft! kühn vor allem! Unaufhaltsam, unablässig. Allgewaltig drängt die Zeit.

Es drängt uns, eine Frage von eminenter Wichtigkeit und folgenschwerer Bedeutung unter das Secirmesser der Kritik zu bringen, die Organisationsfrage nämlich. Es ist dieser Gegenstand von weit grösserer Wichtigkeit und Tragweite, als es bei einer flüchtigen Betrachtung den Schein haben mag: denn die Organisation ist das wichtigste Werkzeug des obschwebenden geistigen Riesenkampfes, und ist von grosser Wichtigkeit, ob eben dieses Instrument scharf und spitzig oder schartig und stumpf ist: die Organisation kann aber auch, wenn sie tauglich geformt wird, zur wirksamen Triebkraft, zum zweckdienlichen Sauerteige für die künftige Kulturform werden, sowie andererseits zum Geiste, der beschworen wurde und sich nicht zähmen lässt, wie der von Goethe’s Zauberlehrling.

Dem Wesen nach unterscheiden wir zwei Systeme der Organisation, und zwar den Centralismus und den Föderalismus. Beide sollen nun untersucht werden.

Was zunächst den Centralismus anbelangt, so ist derselbe nichts Anderes wie ein misslungener Abklatsch des despotischen oder absoluten Regierungssystems und zeigt uns, dass nicht allein der Affe, sondern auch der Mensch den Nachahmungstrieb besitzt.

Die Despotie zeigt uns den Centralismus in seiner vollendetsten und ausgebildetsten Form.

Caligula und Nero, Philipp der Zweite von Spanien und Richard III. von England, sowie Ludwig XI. von Frankreich: sie Alle waren Centralisten, die unser Augenmerk fesseln, denn sie waren gross, wenn auch als Tyrannen, wenn auch im Schlechten, sie ragen über die Mittelmässigkeit hoch empor: sie waren Verbrecher an der Menschenwürde, aber sie waren es voll Kraft und Mut, voll Kühnheit und Energie. Was sind aber die Tyrännchen, die sich die Arbeiter durch den Centralismus erzeugen, indem sie sich von Mauldreschern bethören lassen? Erbärmliche Jammergestalten im Vergleiche mit jenen Titanen, deren Andenken glühenden Hass in unserer Seele weckt? Sie sind armselige Zwerge, Liliputaner, und thun wohl daran, sich spreizen und viel und laut von der Redner-Tribüne herunter zu deklamiren und zu kreischen, denn sonst würde man sie gar nicht wahrnehmen. Sie zu verachten, wäre zu viel Ehre für sie, nein, ein mitleidiges Bedauern ist Alles, was ihnen zugewendet werden kann. Sie sind der Vergessenheit geweiht und haben dereinst zwecklos gelebt: das alleinige Ziel ihres Strebens ist das Wohlleben, und dafür treten sie das Heiligste, Erhabenste, die himmlische, ewige Idee in den Kot: sie unterscheiden sich in nichts von einem Mastschwein, das auf nichts denkt wie auf vielen und guten Mais und einen trefflichen Stall, nur erstreben sie beides in einer anderen Form. Ärmliche, kleinliche Menschlein! – Und sie wären vielleicht fähig, ihr ephemeres Sein an die ewige unvergängliche Kette von Ursachen und Wirkungen, Grund und Folge zu knüpfen und ewig zu sein im Erlösungswerk der Menschheit durch ihr fruchtbringendes Wirken, sie wären vielleicht befähigt zu schaffen, so dass sie darin das reinste Glück, ein Gefühl von Seligkeit empfänden im Glücke und Paradieses-Sein Aller, dass sie für künftige Generationen anzubahnen helfen würden.

Der Centralismus vernichtet die individuelle Selbstständigkeit und Freiheit vollständig, wie wir es im despotischen Staat antreffen. Hier ist der Wille des Autokraten Gesetz, dort der Wille des Parteigötzen, den man auf das Piedestal emporhob: der Druck ist ärger noch als im despotischen Staat, denn in einem solchen soll nur eine gesetzwidrige Handlung gerichtet werden; die Spitze der centralistischen Pyramide aber richtet nicht allein die Handlungen, sondern sogar die Meinungen, sie erforscht Herz und Nieren der Menschen wie Jehova, und es sollte auch der Wille solcher Parteigötzen unter Donner und Blitz zeitweilig verkündet werden, wenigstens hätte das Colophonium stärkeren Absatz und die Spängler fänden bei der Anfertigung von Donnerblechen vielleicht lohnende Arbeit.

Treffend bezeichnet ein Engländer den Centralismus, indem er sagt: “Stelle ein Schaf vor die andern und Du hast die Herde fertig.” Ja wohl, eine Herde ist es und weiter nichts, und diese Herde geht hin, wohin der Hammel sie führt, und wenn er in einen Sumpf hineinplumpst, so wandern Alle in den Morast, und thatsächlich stecken gegenwärtig die Bekenner der alleinseligmachenden Sozialdemokratie mit ihrer achtundvierziger Theorie im Schlamme der Reformpolitik und leiden an Kompromisswahn. Doch nicht allein dies; der Leithammel macht Gesetze und die Gipsfiguren, die ihn umgeben, nicken ja; sie können sonst nichts wie immer ja nicken, dass wissen sie, das weiss der Leithammel; und was er thut, dass müssen Alle thun, und wenn er einen Unsinn macht, so müssen ihn Alle auch nachmachen, denn die Einigkeit (?) verlangt es, und einig sein macht stark – – – zum Schlafen geneigt.

Ihr sagt, der Centralismus führe zur Einigkeit; wir erwidern, mit der Einigkeit allein ist gar nichts gethan, sie giebt, blos für sich betrachtet, keinen vollständigen Sinn, sondern bedarf einer näheren Bestimmung, einer Ergänzung; es frägt sich in dem Falle immer: einig zu was? – Einig zum Schlafen? Dann könnt Ihr das erhobene Werk mit Opium, Morphium oder Chloral-Hydrat durchführen und bedürft keiner “theuren” Einigkeits-Agitation. Einig, um das nachzusagen, was Andere (Eure Führer) vorsagen? – Dann braucht ihr das ganze Parteigetriebe nicht, dann nehmt Euch Vorbeter auf, die besorgen das billiger als die, die an Euerer Spitze stehen. Einig in der Meinung und im Denken? – Dann giebt es überhaupt gar keine Meinung und kein Denken; dann meinen und denken nur Euere Päpste und Cardinäle, und ihr seid blosse Katechismus-Herunterplapperer, und es wäre dann auch nötig, einen solchen durch ein Concilium (Kongress) abfassen zu lassen, der ungefähr so zu beginnen hätte: “Sozialdemokratisch glauben heisst Alles für wahr halten, was Lasalle geoffenbart hat, und was die Parteileitung zu glauben vorstellet, es sei geschrieben oder nicht.”

Und wollt Ihr noch einen Beleg, dass die Einigkeit an und für sich wertlos sei, so betrachtet die Todten auf den Kirchhofe. Niemand kann besser einig sein als sie, kein Wort, kein Laut des Widerspruches, nicht der geringste Parteistreit ist dort wahrnehmbar. Fragt sie, wer sich von ihnen Eueren Kongressbeschlüssen widersetzt, fordert sie auf, es soll derjenige, welcher dagegen ist, dass ein Kongress die Arbeiterfrage dadurch löst, dass seine Glieder für die hungernde und darbende Menschheit schmausen und trinken, die Hand erheben, und Ihr werdet wahrnehmen, dass kein Einziger es thut. Die Todten nehmen also alles mit Stimmeneinheit an. Nach der Theorie der Centralisten sind also die Todten diejenigen, die in erster Linie berufen sind, die soziale Frage zu lösen.

Dann vernehmt noch dies: Das ganze Mittelalter hindurch bis kurz vor Beginn der Reformation finden wir eine wunderbare Einigkeit. Der Schraubstock der kirchlichen Autorität drückte die meisten die dem allgemeinen Vorurteile widerstreitenden Meinungen nieder; wollte sich nur eine aufklärende Meinung Bahn brechen, so vermochte sie dies nicht, man hatte Scheiterhaufen, und unter den Klängen des Kyrie eleison und dem Geläute der Glocken wurden Bücher und Menschen von den prasselnden Flammen verschlungen. Gefällt Euch das Mittelalter mit seinen Irrtümern und Ungerechtigkeiten? – Gewisslich, nein! Und ihr seid befähigt, mit Eurem Centralsystem in dieselben Irrtümer zu verfallen: nur könnt Ihr nichts verbrennen, denn ihr habt nur Stroh, und dies giebt ein kraftloses Feuer, wenn es auch viel Rauch macht: also “schmeisst” Ihr einfach hinaus! Ja, dadurch vermindet sich aber die Anzahl der Kämpfer für die Menschenrechte und der Sieg der Idee wird hinausgeschoben! – Idee! Dummes Zeug – Nicht wahr, so denkt man? Was kümmern sich die Führer um eine Idee? Vielleicht haben sie nicht einmal eine Idee von einer Idee in ihres Herzens Grund, und ihre Vereine sind ja doch nur Fallen zum Stimmviehfang.

Endlich wollen wir noch eine Bemerkung hinzufügen: Man sagt, das Centralsystem führe zu einer kräftigen, “compacten” Organisation, mit “festem Gefüge”, und wie dergleichen Schlager mehr ausgespielt werden und wurden. Wir entgegnen: Das Centralsystem führt zu einer ohnmächtigen Organisation, die bei dem geringsten reactionären Windhauch wie Spreu im Winde zerstiebt, und, noch mehr, sie existiert nur so lange, als man sie bestehen lassen will und kann von der Reaction auf einen einzigen Schlag zermalmt werden, und noch dazu sicherer, als es ein decrepiter Gesinnungsschuster uns gegenüber im Stande ist. Die Reaction braucht gar nichts zu thun, wie die Centralleitung zu beseitigen, und das ganze organisatorische Gebäude stürzt dann in Trümmer, denn keiner ist selbstständig, jeder erwartet das Commando, und da kein Generalissimus dann vorhanden wäre, so liesse sich eben auch nichts thun.

Schliesslich ist es geradezu eine Ironie, wenn man vorgiebt, man wolle durch den Centralismus die Befreiung des Proletariats erringen, denn er ist die Knechtschaft auf die Spitze getrieben, und durch ihn die Freiheit erringen wollen, hiesse sie erkämpfen, indem man sie vorläufig vollständig vernichtet, es hiesse den Teufel mit Belzebub austreiben, was eben ein Wahnwitz wäre.

Das zweite System der Organisation, das nun zu besprechen wäre, ist das Föderativsystem: dieses ist vollständig vom Hauche der Freiheit durchweht. Wir brauchen keine centralistische Hundspeitsche, weil wir eben Menschen sind.

Die Organisation nach diesem Systeme ist in selbstständigen Gruppen, die sich wechselweise von Fall zu Fall verständigen können. Das Ganze ist zusammengekittet, durch die Prinzipien, durch die Idee, die ewigen Ursprunges ist, nicht durch die Privatlaune eines Menschen, der vielleicht ein verzogenes Schosskind des Glückes ist und ebenso eigensinnig und boshaft sein kann, wie solche gewöhnlich sind.

Die freie Meinungsäusserung ist einem Jeden gestattet, denn nur durch den Zusammenfluss der verschiedenartigsten Meinungen wird die Wahrheit offenkundig. Ein Jeder, aus dessem Innern das uns Menschen angeborene, instinctive Freiheitsgefühl durch eine verfehlte Erziehung und sozialdemokratische Verblödung noch nicht gänzlich gerissen ist, muss sich in organisatorischer Hinsicht und der Fahne des Föderalismus schaaren, und den Centralisten gönnen wir gerne das Glück des Litaneibetens und des Pantoffelkusses ihres unfehlbaren Parteipapstes.

Eine Föderativ-Organisation ist aber für die Dauer geschaffen, denn, wenn sie an einem Platze zertrümmert wird, so besteht sie noch an anderen Orten, zerstört man sie aber allerorts, so ist wieder jedes Glied an Selbstständigkeit gewöhnt, versteht zu wirken, und es kann bald wieder neu organisirt werden. Endlich ruht dieses System voll und ganz auf der Basis der Freiheit, und nur durch diese allein kann sie, der Menschheit höchstes Gut, errungen werden.